#metoo

In den aktuellen #MeToo-Debatten wird ordentlich gestänkert. Wir zeigen euch welche Argumente nur heiße Luft sind und wie ihr die Debatte ohne Frust übersteht.

Argument N° 1:
„Die Debatte ist völlig übertrieben!“ / „Jetzt darf man als Mann gar nichts mehr“ / „Darf ich jetzt nicht mal mehr Komplimente machen?“

All diese Aussagen haben nur ein Ziel: Die Debatte angreifen bevor sie überhaupt begonnen hat. Sie dienen dabei als Ablenkungsmanöver, denn es wird zunächst die Berechtigung der Debatte angezweifelt, statt über die tatsächlichen Inhalte zu sprechen (in diesem Fall die Vielzahl von sexuellen Übergriffen von Mann* auf Frau*). Plötzlich muss frau dem Mann beim Jammern zuhören, dabei wollte sie eigentlich sprechen.

Und viel Mehr: das eigentliche Interesse der Argumentierenden bleibt dabei oft verborgen: nämlich am Ende doch die eigene Rolle und Machtposition verteidigen zu wollen. Denn man merkt, gängige Geschlechterverhältnisse anzuprangern macht manchen Männern Angst und kann die ein oder andere Identitätskrise auslösen. Da folgt dann gern ein argumentativer Rundumschlag, „man dürfe nun garnichts mehr“. Dabei ist es doch recht einfach: Man(n) darf was Frau auch will.

Auch Frauen greifen manches mal zu solchen Argumenten, wenn sie die Männer in ihrem Umfeld bestätigen wollen oder selbst von der Machtposition des Mannes profitieren und in dieser Rolle zufrieden sind. Wenn eine Frauke Petry sagt: „Die Debatte ist völllig übertrieben“, und „liebgewonnene Tradition“ würden damit zerstört, spielt sie der verunsicherten Männerwelt in die Karten, die sich von den lauten Frauenstimmen bedroht fühlen.

N° 2. „Unter den Metoo-Hashtags werden zu viele Themen in einen Topf geworfen. Von unangenehmen Kommentaren, sexueller Belästigung bis hin zu Vergewaltigungen!“

Mit dem Hashtag #Metoo kennzeichnen Frauen und Mädchen ihre Berichte und erzählen von der Gewalt und Diskriminierung, die sie wegen ihres Geschlechts erleben. Das hat offensichtlich eine große Spannweite. Ja, wir können über all das einzelne Debatten führen, jedes Problem würde eine eigene verdienen!
Aber wir sollten einen Zusammenhang ziehen, denn der besteht: unsere sexistische Kultur.
Eine Gesellschaft in der Frauen jeden Alters stets mit Übergriffen auf ihre Körper rechnen müssen, eine Gesellschaft, in der Frauen für ihre Autonomie und Gleichberechtigung noch immer härter kämpfen müssen, eine Gesellschaft in deren Popkultur und Werbung Frauen nur selten über den Status des sexualisierten Objektes hinauskommen. Solch eine Gesellschaft leidet unter einer sexistischen Kultur.

Jeder sexistische Spruch, den frau sich auf der Straße anhören muss, normalisiert diese Kultur. Jedes aufdringliche Nachrufen, jede ungewollte Berühung, zeigt männliche Macht. Die Spitze der Pyramide ist die Vergewaltigung und das Ende in konkreter Gewalt gegen Frauen.
Und nein, liebe Leser, das bedeutet nicht, dass jeder Mann, der einer Frau hinterherruft, auch gleich ein Vergewaltiger ist. Es bedeutet aber, dass er zu seinem Anteil die bestehenden Machtstrukturen zwischen den Geschlechtern reproduziert.

Abgesehen davon zählt das „zu-viel-in-einem-Topf- Argument“ auch zu den gängigen Ablenkungsmanövern, um erstmal über die Debatte zu debattieren, statt ihren Inhalt, siehe oben Punkt 1.

N° 3. „Frauen müssen lernen sich selbst zu verteidigen und deutlicher Grenzen ziehen.“ „Frauen sollen sich bei so kurzen Röcken nicht wundern…“

Um es ein für alle mal klar zu stellen: Frauen sind nicht schuld. Wir sind nicht schuld, wenn wir betrunken sind. Wir sind nicht schuld, wenn wir eine kurze Hose tragen. Wir sind nicht schuld, wenn wir nachts alleine nach Hause gehen. Hier wird die Täter-Opfer-Beziehung bewusst verschoben. Frauen sollten nicht lernen müssen, wie sie nicht Opfer von sexueller Gewalt werden, Männer müssen aufhören, Täter von sexueller Gewalt zu werden.

So zu tun, als gäbe es einen Verhaltenskodex für Frauen, der Schutz bieten könnte, verschiebt die Schuldfrage. Dennoch wissen wir, wird dieses Argument auch gern von Frauen genutzt, um weiter an der Illusion festzuhalten, dass sie sich selber gegen Übergriffe schützen können. Das mag zwar tröstend sein, ist aber schlicht nicht wahr. Es gibt kein weibliches Verhalten, dass sexuelle Gewalt rechtfertigt oder verhindert.

N° 4. „Frauen machen sich ständig zum Opfer!“, „Frauen wollen nur Aufmerksamkeit oder Jammern“

Nicht wir machen uns zu Opfern, sondern Täter machen es. Denn wenn man es anders formuliert, schreibt man der Frau wieder eine Teilschuld an der erlebten Gewalt zu. Es wird hier außerdem der Frau unterstellt, sie gehe mit der Situation nicht angemessen um. Hier werden ganz alte Rollenmuster hervorgekramt: die Frau übertreibt, ist hysterisch und nicht rational.

Frauen, die den Schritt in die Öffentlichkeit wagen, um über das zu sprechen, was ihnen widerfahren ist, gehen noch weiter: sie kämpfen über ihr Dasein als Opfer hinaus. Das provoziert. Vorallem wenn Frauen es nicht dabei belassen wollen, nur als Opfer angesehen zu werden, sondern auch Täter benennen.
Was das Argument eigentlich will: uns unseren Kampf absprechen und uns einen Schritt zurückwerfen. Wir sprechen. Wir sind aktiv und kämpfen gegen das Opfersein und Opferwerden.

N° 5. Männer sind auch Opfer. Wir erleben auch Sexismus oder sexuelle Gewalt.“

Dann kämpft mit uns! Am Ende steht als Ziel die Befreiung aller Geschlechter. Ja, Männer leiden auch unter ihren Rollenzuweisungen. Ja, Männer müssen sich auch sexistische Kommentare anhören. Und ja, es gibt auch Männer, die sexuelle Gewalt erleben.

Was aber nicht geht, ist dieses Argument zu missbrauchen, um Frauen ihr Recht zu nehmen, ihre Probleme zu benennen und über ihre Perspektive zu sprechen.
Was auch nicht geht, ist nicht in realistischen Dimensionen zu sprechen. Wir müssen hier nicht die unzähligen Statistiken aufführen, die allesamt zeigen, dass mehrheitlich Frauen von sexueller Gewalt betroffen sind.

N°6. „Wir wissen doch noch nicht mal, ob ein Täter wirklich schuldig ist“
Ja, es gilt die Unschuldsvermutung. Doch wer diesen Satz in Diskussionen gerne mal raushaut, sollte sich bewusst machen, welche gefährlichen Auswirkungen er haben kann. Frauen werden systematisch in ihrer Authentizität untergraben. Bevor man die seelische und körperliche Gesundheit von Frauen als beschädigt anerkennt, sorgt man sich mehr um den in Gefahr stehenden Ruf eines Mannes. Dieser Satz bringt mitunter Frauen zum Schweigen und genau das muss sich dringend ändern! Zusätzlich handelt es sich bei diesem Argument wieder um die Verschiebung der Täter-Opfer-Rolle. Der „zu unrecht“ angeklagte Mann wird zum Opfer, während die Frau als berechnende Lügnerin dargestellt wird, die darauf abzielt, das Leben eines Mannes zu zerstören.

Welche Argumente könnt ihr nicht mehr hören und wie reagiert ihr auf menschliche Schallplatten mit Sprung? Schreibt uns eure Erfahrungen!
bodyguerilla@gmx.de

  • * kurzer Einschub zu Gender und Sprache: Mit Sprache wollen wir so umgehen, dass sie möglichst wenig diskriminierend ist. Da es aber nicht die eine ultimative Lösung für nicht-diskriminierende Sprache gibt, halten wir uns meist an die Sternchenschreibweise, um alle Geschlechter einzubeziehen. Wir verzichten, der Form dieses Artikels wegen allerdings im weiteren Verlauf auf die Wiederholung, setzen Genderinklusivität aber vorraus.

2 Gedanken zu „#metoo

  1. Wertvoller Text! Ich kann den Punkten nur zustimmen! Richtig cool, dass ihr euch für dieses Thema stark macht und unsere Welt ein bisschen gerechter und besser macht.
    Viel Kraft, Ausdauer und Motivation weiterhin!

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